He had for so long given up directing his life towards an ideal goal and limited it to the pursuit of everyday satisfactions that he believed, without ever saying so formally to himself, that this would not change as long as he lived; much worse, since his mind no longer entertained any lofty ideas, he had ceased to believe in their reality, though without being able to deny it altogether. Thus he had acquired the habit of taking refuge in unimportant thoughts that allowed him to ignore the fundamental essence of things.

– Marcel Proust

Vor ein paar Tagen hatte ich genug. Ich wollte mir nun auch das letzte Bisschen Druck nehmen, den letzten mit Hintergedanken behafteten Friemel Zielstrebigkeit. Was das war? Trommelwirbel – Hashtags bei Instagram. Und es hat gleich eine ganze Welle von Gefühlen bei mir in Gang gesetzt:

Von absoluter Verzweiflung – weil, naja, ganz weggucken gelingt mir dann doch nicht – beim Anblick der minutiösen Anzahl von Likes, die komplett ohne Hashtags “übrig” bleiben, zur Rationalisierung (“Algorithmus!!”) und Selbstbeschuldigung (“Bist halt kein sozialer Mensch. Wenn man im echten Leben wenig Freunde hat, wirkt sich das auch auf Social Media aus! Hätteste mal mehr mit Leuten unternommen, damals, als noch Zeit vorhanden war.”) über unglaubliche Scham (“Ich schreibe nur maßlos egoistische, übertriebene, selbstinszenierende Scheiße. War doch klar dass es keinem gefällt wenn auf dem Foto kein Essen ist.”), Scham ob der Scham (“WARUM IST DIESE SCHEISS ANERKENNUNG DIR SO VERDAMMT WICHTIG, KOMM JETZT EINFACH ENDLICH MAL KLAR UND SCHEISS DRAUF.”) schließlich hin zur Freude (“Es sind ja schon ein paar. Cool! Und wir sind ja jetzt ganz unter uns! Und je ehrlicher ich werde, desto weniger Bots und Menschen, die sowieso nix mit mir anfangen können!”) und wieder zurück zur Selbstbeschuldigung (“Musst dir aber auch klar sein dass du das alles Menschen wegnimmst, die das gerade gebrauchen könnten indem du es unmöglich machst, deine Posts zu finden. Mach es doch einfach richtig. Das bisschen Mühe kann sich so lohnen!”)

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Letzte Woche fühlte ich mich wie die größte Versagerin aller Zeiten. Verantwortungslos, unzuverlässig, alles überdramatisierend, egoistisch, arrogant, perfektionistisch, maßlos kritisch, pessimistisch, aufmerksamkeits- und sensationsgeil.

Mir war schlecht, innerlich, dauerhaft.

So langsam komme ich aber auf den Trichter, wozu das gut war. Ich hatte einen großen Fokus darauf gelegt, nicht mehr verantwortungslos, unzuverlässig, alles überdramatisierend, egoistisch, arrogant, perfektionistisch, maßlos kritisch, pessimistisch, aufmerksamkeits- und sensationsgeil zu sein.

Kurioser- und nicht mal paradoxerweise hat gerade die Auseinandersetzung, die beginnende Akzeptanz dieser und anderer Eigenschaften in mir die unterbewusste Erwartung ausgelöst, damit jetzt aber wirklich endlich mal fertig zu sein.

Dazu gehörte auch das gnadenlose Bewerten meiner Bemühungen als übertrieben, überdramatisch – über, über, über. Zu viel.

Die an mir mit Abstand von außen am meisten kritisierte Eigenschaft ist es, alles mit Worten, in Gedanken oder schriftlich auseinanderzupflücken bis nichts mehr zu finden ist.

Und manchmal, wenn es mir schlecht geht, kommt die Kritik von mir – vielleicht aber auch eher umgekehrt: wenn ich diese innere Kritikerin, die ich bin, nicht sehen oder zu Wort kommen lasse, geht es mir schlecht. Weil ich so rebelliere, weil sie so falsch ist, habe ich keine Kraft mehr, ihre Stimme einfach stehenzulassen während ich eigentlich versuche mir Mut zuzusprechen.

Dann möchte ich die Hände über den Kopf schmeißen und vollständig aufgeben. Dann ist es mir einfach zu viel, mir der Verantwortung für mich bewusst zu sein und zu ihr zu stehen. Dankbar zu sein dass Leben nicht einfach passiert, dass ich immer wählen kann, wie ich damit umgehen kann. Dann begebe ich mich in einen Teufelskreis des Opfer-seins meiner selbst. Ich sehe in mir Verantwortung, weise sie aber zeitgleich von mir, mache mich zur Schuldigen an all meinem Leid, womit jeder Versuch, neutrale Verantwortung zu sehen und anzunehmen in einem großen, antiklimaktischem Nichts endet.

Und dann habe ich Angst. Dass die Glaubensmuster, unter denen ich jahrelang agiert habe, zu stark sind und mich auf ewig verfolgen werden. Dass ich sie mir zwar bewusst machen kann, aber darüber hinaus ihnen erlegen bin.

Dann bin ich so unsicher wie damals. Damals wurde jedes Wort, das es aus meinem Mund schaffte, hinterher zehnfach umgedreht, bewertet und analysiert. In der Reihenfolge, wohlgemerkt. Ich schämte mich für fast alles, was ich sagte. Entweder war ich arrogant, egoistisch, oder das Gegenteil. Neutralität oder Freude – meine Echtheit – waren mir fremd.

Manchmal denke ich: wie wäre es, heute einfach damit aufzuhören, über Ursachen nachzudenken und einfach zu machen? Einfach eine Tagesmutter besorgen, einfach einen Job finden, einfach selbst Geld verdienen, einfach aus meinem selbst erschaffenen Gefängnis aussteigen.

Auf kurz oder lang werde ich das vermutlich tun. Und die Frage, wieso ich es bisher nicht geschafft habe, knicke ich mir jetzt. Die richtige Frage ist nämlich: Warum will ich das jetzt, in diesem Moment noch nicht?

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Ich habe gestern Swann’s Way aufgeschlagen, angefangen zu lesen, und die Worte oben erschienen mir.

Was Proust beschreibt sehe ich – wörtlich genommen – so gerne in anderen. Etwas abstrahiert treffen sie aber eher auf mich zu.

Ich beschäftige mich schon immer lieber mit den echten, tiefen, wahren Dingen, nur um die häufig momentan viel wichtigeren, direkt vor meiner Nase geschehenden, mein eigenes Leben direkt betreffenden vollkommen außen vor zu lassen. Für mich hat immer die Essenz Vorrang, und so raube ich dem Moment häufig seine Echtheit – indem ich vorbeischaue, ins ewige Warum.

Aber manchmal ist es ja doch gerade das Oberflächliche, das – genau hier und jetzt, ohne tiefere Bedeutung, ohne Hintergrund, einfach das, was ist – was wirklich wichtig ist.

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Gerade mit dem Bewusstsein, ich versuche hier explizit es mal keinem recht zu machen. Ich will keinem helfen, nur meine lebenslang unterdrückten und als zu kritisch, zu analytisch, zu viel befundene Gedanken ordnen und aus mir heraus quetschen – kommen umso mehr und lauter genau diese Zweifel in mir hoch.

Während ich das alles aufschreibe wird mir aber klar, dass so etwas in allen Heilungsprozessen der absolute Standard ist. Schließlich ist es wie Aufräumen.

Denn – was macht man, wenn man gründlich sein will? Erstmal alles herausholen, aus allen Schubladen und Ecken und von den Schränken herunter und unterm Bett hervor. Dan kann man sich langsam an die Arbeit machen, allem Überflüssigen “AUFNIMMERWIEDERSEHEN, bitch” zu sagen. Und den Rest wieder geordnet an seinen (vielleicht neuen) Platz zu legen, nachdem auch die kleinen Staubfussel in der Ecke auf der Fußleiste beseitigt wurde. Wobei – dafür ist man dann ja doch am Ende zu fertig.

Wird fürs nächste Mal aufgehoben. Alles zu seiner Zeit.

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