Ich habe mir einen Plan gemacht. Ich hab mich bisher echt gut dran gehalten.

Ich habe nur etwa die Hälfte geändert! Ich bin erstaunt, dass es nicht noch mehr geworden ist. Dafür sind Pläne doch da. Um sich an ihnen entlang zu hangeln, aber letztendlich alles zu ändern. Weil, es kommt immer anders. Wie in diesem Eintrag.

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Wenn ich in meinem früheren Leben Pläne nicht umgesetzt habe, hab ich mich dafür fertig gemacht. Weil. Du kannst dich ja an nix halten. Unzuverlässig. Kein Durchhaltevermögen. Schwach. Schlapp. Faul. Was kannst du eigentlich? Ist doch so easy, du musst einfach nur das tun was du dir vorgenommen hast? (Oder was dir vorgenommen wurde, hust.) Wann schaffst du es endlich mal, irgendetwas richtig zu machen?

Tun. Tu es einfach. Einfach. Einfach jetzt, einfach. Mund aufmachen. Sprechen. Hand bewegen. Machen. Kann doch nicht so schwer sein.

Dieses schwarzweiß-Denken hat mich so kaputt gemacht. Ich dachte vollkommen ernsthaft, ich müsste genau das sein und tun, ohne Ausnahme, was ich und andere von mir erwarten – sonst war ich nichts wert. Weniger als nichts. Zu meinen depressivsten Zeiten hab ich mich als Nacktschnecke unterm Schuh bezeichnet. Nicht nur wertlos, dazu noch schleimig und widerlich, so abscheulich wie das, was mir schon immer am meisten Angst macht, von dem man sich nur so schnell wie möglich befreien möchte.

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Natürlich habe ich ständig Fehler gemacht. Ich hab ständig mein Wort gebrochen. Und dann habe ich ständig versprochen, den Lehrern, meinen Eltern, meinen Musiklehrerinnen, es ab sofort besser zu machen.

Was genau, überhaupt? Keine Ahnung. Mehr Hausaufgaben, mehr Instrumente üben, mehr Mühe. In allem. Ich hab mir schon so große Mühe gegeben, aber es war nie genug. Für mich. Wenn andere mir sagen wollten, ich mache doch mehr als genug, du bist doch gut genug, bin ich zusammengebrochen. Konnte es nicht glauben. Ich könnte doch mehr als das? Das soll mein Bestes sein? Das vermeintliche Wissen, ich war so schlecht, ich müsste besser sein, war so fest verankert, dass jeder Versuch von Außen, mir diese Sichtweise auszureden darin resultierte, dass nun auch noch mein Urteilsvermögen falsch und unzuverlässig war.

Weißt du wie schmerzhaft das ist? Du verstehst die Welt nicht. Alle anderen kriegen ihr Leben auf die Reihe. Alle anderen sind gut drauf, machen Sport, machen im Unterrricht mit, können sich frei ausdrücken und entfalten. Sie lachen, sie haben Freunde, sie gehen aus, sie küssen andere Menschen und haben Sex. Alle anderen machen es richtig.

Nur du nicht. Du kommst nach Hause und setzt dich in deinen Kleiderschrank und heulst. Du läufst wochenlang mit blutigen Augenlidern herum, weil du so viel weinst.

Du schämst dich, weil du anders bist, und jetzt schämst du dich noch, weil man dir ansieht wie furchtbar es dir wirklich geht. Stehst da, sollst etwas sein und kannst dich nicht bewegen, erst recht nichts sagen.

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Wo ist deine Lebensfreude? Lächel doch mal. Und jetzt sei gefälligst freundlich, es ist ganz schön respektlos deine schlechte Laune an anderen rauszulassen. Wir anderen haben schließlich echt viel zu arbeiten und zu tun und wir leiden genauso wie du und reiß dich endlich mal zusammen, du hast doch überhaupt keine Bauchschmerzen. Du willst dich nur vor deinen Pflichten drücken. Das darfst du nicht, das echte Leben ist halt hart, wir müssen alle da durch, du hast doch überhaupt keine Ahnung was da alles noch kommt.

Alles was du fühlst und bist ist falsch.

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Es wäre schwer gewesen, es mir “recht” zu machen, mir meine Gefühle zu bestätigen, sich mit mir auseinanderzusetzen, die eigenen unterdrückten Gefühle zu untersuchen. Hinzusehen. Es kommt einem vielleicht genauso falsch vor – wie mein Gefühl, so zu sein – mich in meinem Leid auch noch zu bestätigen. Klar! Ich verstehe das. Sehr schwer wäre das, war es doch schon so. Viele Ängste und eigene Gefühle von Wertlosigkeit die man nicht einmal kannte wären hochgekommen.

Aber es wäre richtig gewesen. Es hätte mir das Gefühl gegeben, dass ich überhaupt da war. Dass ich gleich-gültig war, dass ich eine Daseins-Berechtigung hatte. Dass es ok und tatsächlich normal ist, in diesem Alter so viele Gefühle zu fühlen, die man nicht einzuordnen versteht. Dass es in Ordnung ist, sich nicht nur anders zu fühlen, sondern auch zu sein.

Ich war anders. Ich bin anders. Wie alle anderen auch. War aber im Zwiespalt gefangen, einerseits nichts besonderes zu sein und dennoch zu sehen, klar und deutlich, das was ich erlebe ist nicht normal. Ich habe Angst. Ich fühle mich leer und bleiern. Wenn ich etwas fühle, dann puren Schmerz.

Ja, Empathie ist schwer. Empathisch sein – ein Verb, nichts, was man hat oder eben nicht. Empathie erfordert Kraft, Gefühle auszuhalten, ohne sie wegwischen zu wollen. Empathie erfordert Geduld. Pures Dasein. Kein Mitleid, kein “Mitgefühl”. Einfach nur da-sein. DA.

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Sehen: schau hin. Hör auf zu projezieren, hör auf zu biegen. Dieser Mensch hat Schmerzen. Würdest du einem Menschen mit zweifach gebrochenem Bein und einer Platzwunde am Kopf sagen, jetzt hör mal, den Schmerz bildest du dir ein, da ist doch gar nichts weswegen du heulen müsstest? Hör einfach auf, das ist ja lächerlich.

Nein?

Nur weil du kein Blut siehst sind die Schmerzen nicht automatisch unberechtigt.

Gefühle sind nie unberechtigt, klar?

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Leute, bitte seid da für eure Kinder, Freunde, Partner – für Menschen die es brauchen. Fragt nach. Oder lasst sie sein wenn sie gerade nicht wollen. Lasst bitte nicht euren eigenen unterdrückten Gefühlspilz an ihnen aus um ihnen dann zu sagen, das was sie fühlen sei nicht angebracht.

Das hat schlimmere Folgen als körperliche Gewalt.

Das ist nicht nur für sie wichtig. Tut ihr das nicht – da sein – lasst ihr sie im Stich – verliert ihr für immer ihr Vertrauen. Wunder dich nicht wenn dein Kind sich nicht mehr bei dir meldet. Warum sollte es? Du hast dich nie für sein wahres Wesen interessiert. Hast es zum Funktionieren gezwungen, dabei tat es das schon so gut es nur konnte, und du hast es dann noch für das niedergemacht, was es getan hat um im Funktionieren zu funktionieren. Wenn es das überhaupt noch auf die Reihe kriegt.

Dazu wiederum muss man sich natürlich zuerst mit den eigenen Gefühlen auskennen. Die Fähigkeit üben – trainieren – bei sich selbst zu sein.

Anerkennen: ja, ich habe Gefühle. Ja. Das hier schmerzt. Nein, ich kann dieses Gefühl gerade nicht ändern. Es ist eben da. Ja, das ist manchmal einfach so. Aber es hört auf zu schmerzen, wenn ich es wirklich angenommen habe.

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Jemand sagte mir in einem der schlimmeren Momente noch, “ich sag’s dir Esther, glaub mir, es geht noch viel tiefer.” Dieser Mensch hätte mich in diesem Moment genauso gut erstechen können.

Erzähle niemals einem depressiven Menschen es könnte schlimmer sein.

Nie.

Lass es dir gesagt sein:

Du hast keine Ahnung was der Mensch fühlt. Du steckst nicht drin. Du hast kein Recht das einzuordnen. Du hast noch weniger das Recht ihm das abzusprechen, was er gerade fühlt. Wenn es vorher schlimm war, ist es jetzt unerträglich.

Jedenfalls.

Ich war in meinem Kopf gefangen. Es sah vollständig aussichtslos aus. Weißt du wie ich rausgekommen bin?

Ich musste durch meine eigene persönliche kleine Hölle. Anders hätte es für mich nicht geklappt. Ein langer Weg, etwa zehn Jahre insgesamt. Es war nicht immer so schlimm.

Ich hatte viel Hilfe. Anders hätte ich es nicht geschafft.

Andere haben diese Hilfe nicht. Bitte macht es ihnen nicht noch schwerer.

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Ein Traum

Im letzten Jahr habe ich jedes Mal, wenn ich mir bewusst werde, wo ich gerade stehe, welchen Weg ich gegangen bin, das Gefühl aus einem Traum aufzuwachen. Mein Leben bisher war ein Traum. Das Gefühl, diese Warnehmung zieht sich durch meine Kindheit durch bis zum Punkt an dem ich ins Krankenhaus kam um meinen Sohn auf die Welt zu bringen. Dann begann die Hölle, in der ich mit allen mir einmal versagten Gefühlen konfrontiert wurde.

Als ich urplötzlich – in einer einzigen Begegnung – merkte, so wie bisher, so wie jetzt, möchte ich die Welt nicht mehr sehen – änderte sich alles. Nicht sofort. Aber doch schlagartig, jeden Tag, schleichend, springend.

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Letztes Jahr vor Muttertag beschloss ich, dass ich absolut keinen Bock hatte mir Hoffnungen zu machen, irgendjemand würde sich die Mühe machen mir einen schönen Tag zu bereiten. Also habe ich mir selbst einen Kuchen gemacht. Den Kuchen meiner Träume. Keine Kompromisse: Viel Milch und viele Himbeeren. Milch wurde mir als Kind verboten, Himbeeren gibt es einfach generell nie genug. In diesem Kuchen findet sich beides en masse.

Ich wurde nicht enttäuscht, weil ich vorgesorgt hatte. Ich war für mich da, es war das beste Gefühl der Welt, und keiner hätte es mir versauen können.

Jetzt, vor V-Day, finde ich es völlig passend diesen meinen Empowerment-Kuchen zu präsentieren, gerade weil dieser Tag so viel Wertlosigkeit symbolisiert – wenn man ihn nur einmal nicht so traumhaft erlebt wie die Gesellschaft uns weismachen will, wie er sein sollte. Und wehe denen, die dem Opferbewusstsein trotzen und es sich einfach selbst machen…oder den Tag gar völlig ignorieren weil sie tatsächlich Besseres mit sich anzufangen haben, als sich minderwertig zu fühlen weil irgendjemand ihnen keine Schokolade und drei Dutzend Rosen geschenkt hat.

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Meine oben beschriebene Gefühlswelt zeigt es für mich deutlich. Damals hatte ich nicht die Mittel, in jeglicher Hinsicht, mich selbst an den Haaren da wieder herauszuziehen. Heute sehe ich vieles anders. (Heute bin ich anders!) Jugendliche Depression unterscheidet sich maßgeblich von erwachsener (wobei die Definition von “erwachsen” je nach Mensch variiert), schlicht aus dem Mangel an Erfahrung heraus. Ein Jahr kann alles verändern. Muss es natürlich nicht, und es kann auch noch schlimmer werden.

Damals wusste ich einfach nicht, dass ich nicht “einfach besser zu sein habe”. Ich wusste nicht dass ich nicht perfekt sein muss, um genug zu sein. Ich wusste nicht, dass genug tatsächlich genug ist. Ich wusste nicht, dass die Menschen da draußen auch keine Ahnung haben was sie da tun, teilweise sogar noch weniger als ich. Ich wusste nicht, dass andere auch so viel Angst haben.

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Aber heutzutage? Weil ich mich selbst mittlerweile mit Informationen überflutet habe, die es mir kognitiv bestätigen, weil ich genug Erfahrung gesammelt habe, die es mir unterbewusst, emotional teifgreifend einverleibt hat, kann ich mit vollständiger Überzeugung sagen: ich muss für mich selbst da sein. Dann erst kann ich so für andere da sein, wie ich es damals gebraucht hätte. Dann erst zeige ich mich offen dafür, dass andere so auch für mich sein dürfen.

Genau die Erfahrungen vor zehn Jahren brauchte ich genau so, wie sie waren, um dieses Wissen zu erlangen. Das soll nicht das Verhalten der relevanten Personen damals entschuldigen. Dennoch sei es ihnen vollständig verziehen, denn sie wussten es tatsächlich nicht besser.

Dafür weiß ich es jetzt.

Man kann sich aber beim besten Willen nicht darauf verlassen dass einem depressiven Menschen irgendwann ein Licht aufgehen wird, dass das alles schon einen Sinn hatte. Nein: die richtige Zeit ist immer jetzt.

Wenn du es jetzt besser weißt – was nach dem Lesen dieses Textes der Fall sein sollte – dann tu es verdammt nochmal auch so. Vielen Dank.

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Himbeer-Rosen Tres Leches Cake

via Smitten Kitchen, wie immer sehr anders
für eine 13×23 cm Auflaufform
und 1-4 Personen


Kuchen

80 g Mehl
10 g Stärke
1/4 tl Salz
1 tl Backpulver
1/8 tl gemahlene Vanille
2 Eier (Klasse L), getrennt
70 g Zucker
20 g Milch
350 g tiefgefrorene Himbeeren

Milch-Rosen-Tränke

120 g Sahne
160 g gesüßte Kondensmilch
3 EL getrocknete Rosenknospen
160 g Kefir

Topping & Deko

200 g Crème fraîche oder Schlagsahne
20 g Puderzucker
250 g frische Himbeeren
(10 gelbe Bio-Rosen)


Kuchen herstellen

Ofen auf 180°C mit Umluft vorheizen. Auflaufform mit Öl oder geschmolzener Butter einpinseln.

Mehl, Stärke, Salz, Backpulver und Vanille mischen. Eiweiß in der Schüssel einer Küchenmaschine auf mittlerer Stufe schaumig schlagen. Zucker dazugeben und auf höchster Stufe weiterschlagen, bis der Eischnee fest und weiß ist und glänzt. Eigelb und Milch langsam unterrühren. Mehlmischung hineinsieben und behutsam mit einem Teigschaber unterheben. In die vorbereitete Form geben und glatt streichen. Gefrorene Himbeeren auf dem Teig verteilen. Kuchen etwa 35 Minuten backen – bis ein Stäbchen, das in einen Himbeer-freien Teil des Kuchens gesteckt wird sauber wieder herauskommt.

Kuchen vollständig abkühlen lassen.

Tränke vorbereiten

Sahne, gesüßte Kondensmilch und Rosenknospen in einem kleinen Topf kurz aufkochen. Gleich vom Herd nehmen und beiseitestellen, bis der Kuchen abgekühlt ist.

Wenn Kuchen und Sahnemischung abgekühlt sind, den Kefir zur Sahne geben und einrühren. Durch ein Sieb über den Kuchen gießen. Kuchen mit Folie abdecken und übernacht ziehen lassen.

Der ganze Rest

Crème fraîche oder Sahne mit dem Puderzucker steif schlagen. Auf dem Kuchen verteilen. Mit den Rosen und frischen Himbeeren dekorieren.


Hinweise

Wie merkwürdig ist es, dass ich mal keine Hinweise zu einem Rezept habe? Ehrlich, mir fällt nichts ein.

Oh, doch: Die Rosen sind natürlich optional. Ausschließlich Himbeeren sind voll in Ordnung und perfekt.

Wer einen größeren Kuchen machen möchte, etwa in einer 23×33 cm Form, nehme die Mengen aus Debs Rezept und sei nicht erschrocken, dass dieser etwa 50 Minuten backen wird.

 

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