Bis letztes Jahr hatte ich sieben Jahre lang jeden Monat eine durch Geldmangel hervorgerufene Existenzkrise. Und ich dachte, ich wüsste genau, wie “man” eigentlich da wieder rauskommt:

Einfach aufhören, “so viel” Geld auszugeben. Einfach mehr verdienen. Einfach mehr sparen. Einfach! Ich wusste dass es dazu mehr zu beachten gibt. Irgendwann war ich aber so tief die Leidensspirale heruntergerutscht dass ich dachte, der einzige Ausweg sei, mit einem Schlag an viel, viel Geld zu kommen – und dann immer wieder. Völlig logisch.

Und dann wären alle Geldsorgen für immer verschwunden.

Dieses Denken ist es, was so viele Menschen mit geringem Einkommen dazu treibt, monatlich oder gar wöchentlich, jahrelang, Geld für ein Lottoticket auszugeben in der Hoffnung, nein – mit dem Wissen – irgendwann werden sie noch ihr Glück erleben, man darf niemals aufgeben! Das sie genauso gut jede Woche hätten sparen oder investieren können, sodass sie mit der Zeit garantiert, ohne Hoffen und Bangen, dank des Zinseszins-Effekts so etwas wie “reich” werden würden.

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Viele Menschen leben in einer chemischen Abhängigkeit vom Zustand, nicht genug Geld zu haben.

Wenn wir lange genug nicht genug Geld zum Leben haben, leben wir mit chronisch hohem Stress. Je weniger Geld wir zur Verfügung haben, bzw. je verantwortungsloser und kurzfristiger orientiert unser Umgang damit, desto öfter geraten wir dazu noch in Situationen, die akuten Stress auslösen. Die wiederum erhöhen den anhaltenden Stresspegel schleichend, und die Zeitabstände zwischen den akuten Stressperioden verkürzen sich zunehmend.

Weil dieser kontinuierliche Stress, nicht genug zum Leben zu haben tatsächlich existentiell ist – anders als viele Situationen heutzutage, die wir als “stressig” bezeichnen – wird dabei genauso kontinuierlich neben dem stressregulierenden Hormon Cortisol auch in hohem Maße Adrenalin ausgeschüttet.

Für unseren Körper fühlt es sich dementsprechend wie ein anhaltendes Abenteuer an, kein Geld zu haben: aufregend. Drama. Echtes Leben. Die Ungewissheit, wo oder wann das nächste (erlösende) Geld herkommt, löst einen dauerhaften Kampf- oder Fluchtreflex aus, der zum Normalzustand wird.

Und plötzlich sind wir abhängig.

Wir sind jetzt chemisch dafür prädestiniert, dauerhaft im Zustand der finanziellen Not zu bleiben und immer wieder dorthin zurückzukehren, wenn wir einmal kurz rausgekommen sind. Der Körper braucht das Drama, um unser Überleben zu kämpfen, haargenau so wie jede “gängige” drogenabhängige Person. So sorgen wir unbewusst und reflexartig dafür, dass wir immer wieder zurück in einen Zustand zurückkommen, in dem der Überlebenskampf für den nächsten Hit Adrenalin sorgt.

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Es ist unglaublich schwer, diese Abhängigkeit aufzugeben.

Die Gesellschaft will uns weismachen, wir sind entweder faul, dumm, unfähig, “können nicht mit Geld umgehen”, “lassen lieber andere für uns arbeiten”, alles gleichzeitig, oder, oder – die Liste könnte lange fortgeführt werden.

So kommt zum dauerhaften Überlebenskampf noch der Dauerstress hinzu, als Mensch nicht genug zu sein. Nicht zu verdienen. Manchmal wortwörtlich: wenn ich kein Geld verdiene, bin ich das Geld nicht wert – ich bin es nicht wert, schlicht zu existieren – weil Geld nunmal zum Leben unabdingbar ist.

Wenn wir dann doch einmal das “Glück” haben, an Geld zu kommen – oder, wie bei einem Großteil der angestellten und arbeitssuchenden Bevölkerung häufig zu beobachten, der Anfang des Monats kommt – sind wir erst einmal erleichtert.

Zeitgleich aber ist der Zustand des Geld-habens mit viel mehr Verantwortung verknüpft als der des kein-Geld-habens, weil wir uns jetzt Sorgen machen “müssen” wie wir damit umgehen: wie lange und wofür es reichen wird.

Erschwerend hinzu kommt das anerzogene Bedürfnis, uns für das wieder stattgefundene Durchhalten bis hierhin zu belohnen. Das geschieht meistens indem wir für irgendetwas Geld ausgeben. Häufig ist das etwas, wofür wir gar nicht erst ein Bedürfnis hätten wenn wir uns nicht für den Zustand des Geldhabens belohnen müssten. Das ist uns manchmal auch bewusst, was wiederum das Schamgefühl füttert – wir können einfach nicht mit Geld umgehen, es wird immer zum Fenster rausgeschmissen, etc.

Aber ich muss mir doch auch mal was gönnen! – kommt dann. Und das Wissen, ich kann es mir eigentlich nicht leisten tänzelt im Hinterkopf herum. Und der Kreis dreht sich.

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Dann wird uns vielleicht bewusst dass genug Geld zu haben längst nicht so aufregend ist, wie kein Geld zu haben.

Wenn es uns nicht bewusst ist, führt sich das Muster beliebig oft und lange fort: Das Drama ums Überleben zieht die Aufmerksamkeit in den jetzigen Moment und macht alles andere zweitrangig. Es lässt uns keine Minute, kurz innezuhalten und langfristig zu denken. So kommen wir nie dazu, präventiv zu handeln und für Sicherheit zu sorgen.

Kein Geld zu haben ist so gesehen um Längen angenehmer, als Geld zu haben.

Kein Geld zu haben ist nämlich auch der beste Grund, nichts zu tun und Verantwortung vor uns her zu schieben. Wir können schließlich nichts machen – wortwörtlich! Ohne Geld funktioniert so gut wie nichts.

Wie oft habe ich mich plötzlich völlig frei und erlöst gefühlt, wenn wirklich nichts mehr da war. Es war eine Art Aufatmen, willkomme Ruhe, die Sorgen konnten kurz aufgeschoben werden, in diesem Moment nämlich war nur ich. Dieser Zustand hält natürlich nur bedingt an – spätestens wenn die Vorräte aufgebraucht sind kommt der nächste große Adrenalin-Hit – wie und wo werde ich essen?

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Der Zustand des genug-habens ist für unser Gehirn chemisch unerträglich, weil er einen Entzug darstellt.

Das Gehirn hat sich mittlerweile einen gewissen Stresspegel angewöhnt und ist auf die ständige Adrenalinausschüttung angewiesen.

Fällt der Stress plötzlich weg – wie im Falle vieler Lottogewinner – löst die entstandene Ruhe noch mehr Not aus als je zuvor. Das Gehirn befindet sich im Entzug. Cold turkey.

Zusätzlich wirft der ungewohnte Zustand im Bewusstsein die ewige Frage auf: “Ich kann doch nicht mit Geld umgehen, das hat die Erfahrung gezeigt, was ist wenn ich jetzt auch versage?”

Und wenn wir unserem Unterbewusstsein eine Frage stellen, zeigt sich die Antwort deutlich in der Realität. Das Gehirn unternimmt alles, manipuliert unseren Umgang mit der Realität derart geschickt, bloß um zum Ausgangszustand zurückzukehren. Wie ein Gummi, das immer zum ungespannten Zustand zurückkehrt.

Hier ist der Normalzustand, der ungespannte, paradoxerweise der des Überlebenskampfes, der Anspannung. Adrenalin ist die Droge, Drama die Komfortzone.

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Ego hat immer das letzte Wort

Zuletzt kommt der vielleicht wichtigste Faktor. Kein Geld zu haben ist deswegen für viele Menschen angenehmer und leichter, als kein Geld zu haben, weil das Ego ungerne Verantwortung übernimmt.

Das Ego muss unter allen Umständen Recht behalten. Die Geschichten, die sich Menschen, die wenig Geld haben erzählen zeugen von Hilflosigkeit und Schuldzuweisung – Opferdasein.

Wir brauchen den Zustand, in dem wir leben um unsere Identität aufrechtzuerhalten und im Recht über unsere Bewertungen der Außenwelt, der Umstände und Menschen zu bleiben, die uns häufig tatsächlich in diese Lage gebracht haben. Die wenigsten Menschen leben in selbst verschuldeter Armut. Die meisten kennen es nicht anders.

Und somit wird es uns in den meisten Fällen nie möglich sein, aus eigener Kraft diesen Zustand zu verlassen.

So lange wir nicht leibhaftig und über längere Zeit hinweg einen neuen Seinszustand der Sicherheit und Ruhe erfahren, werden wir ihn auch nicht zulassen können. Über längere Zeit hinweg ist der Schlüssel hier, denn kurzfristige Unternehmungen können per Definition keine langfristige Umlenkung der Nervenbahnen im Gehirn bewirken, die notwendig wäre damit wir lernen könnten, mit genug zu leben.

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Wie bringe ich den Kreis zu Stillstand oder breche sogar aus?

Ich habe viel zu lange gewartet, um diesen Artikel zu veröffentlichen, weil ich mal wieder fälschlicherweise dachte, ich muss doch auch eine Lösung zu dem Ganzen präsentieren. Aber es gibt keine. Wissen reicht nämlich aus.

Wenn wir wissen, was passiert, können wir im Moment des Geschehens eingreifen. Wir können uns bewusst machen, was wir machen, und eine bewusste Entscheidung treffen. Für mich, oder für die Sucht?

Zumindest können wir uns fragen, welche Entscheidung in welche Richtung ausfallen würde, und uns so langsam an ein langfristig positives Handeln gewöhnen.

Wichtig ist, wie immer, dass wir uns nicht für die “falsche” Entscheidung fertig machen – das wäre eine Entscheidung für die Sucht der Selbstkasteiung – und immer wieder von Neuem vergeben.

Nur so können wir die Kraft aufbringen, es beim nächsten Mal, und dann immer wieder, anders zu machen.

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