In Viktor Frankls Buch Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager wird in einem Absatz schlagartig klar, wie furchtbar diese Zeit wirklich gewesen sein muss.

Frankl hört nachts einen Häftling stöhnen und sich im hölzernen, matratzenlosen Bett herumwälzen. Instinktiv will er ihn wecken und aus seinem Albtraum holen. Er hält jedoch inne und hindert sich im letzten Moment noch daran – weil ihm bewusst wird dass die Realität, in die der Mann aufwachen würde das Schreckenspotenzial jedes Albtraums bei weitem übersteigt.

Was wir allzu häufig in unseren Vorstellungen über solch grausame Kapitel der Geschichte vergessen – die Sklaverei in Amerika ein vielleicht noch treffenderes Beispiel, weil die Menschen dort ihr ganzes Leben in solchen Zuständen verbracht haben – ist dass dieses Leben, das Er-leben dieser Grausamkeiten nicht, wie wir es vom bequemen Sofa aus mitbekommen, im Zeitraffer geschehen ist.

Wir neigen dazu, das Ganze auf gewisse Art abzutun, weil wir nicht im selben furchtbaren Moment leben. Wir können jederzeit ausschalten, etwas anderes anschauen, über etwas anderes reden, an etwas anderes denken.

Die Menschen damals wie auch andere heute erlebten und erleben die Hölle Minute für Minute, Stunde um Stunde, Tag für Tag, Woche zu Woche, Monat für Monat, über Jahre hinweg.

Etwas pervers kommt es mir also schon vor, diese Erkenntnis auf unser eigenes, privilegiertes Leben zu übertragen, in dem wir tatsächlich stille Momente haben um über so etwas nachzudenken. Wir sind es gewohnt, vor allem in Filmen längere Zeitspannen mit zu „erleben“, die aber vor unseren Augen in wenigen gerafften Minuten wieder vorbei sind.

Wir sehen den Anfang. Aller Anfang ist schwer. Ja? Nee. Im Leben ist allerdings der Anfang häufig leicht. Just do it! Ok. Und dann?

Es wird erst richtig schwer wenn wir losgelaufen sind – jetzt aber weiterlaufen müssen. Und weiter. Und weiter –

Und diese absolut furchtbare, wunderbare, zähneknirschend grausame Mitte, deren Länge im Moment des Erlebens nie einschätzbar ist, wird uns in Filmen in weniger als drei Minuten, häufig zu aufgeweckter, tanzbarer Musik als locker lässige Montage vorgeschwärmt.

Nicht verwunderlich ist es dann, wenn wir mittendrin und doch am Ende sind. Wir können keine Minute länger! mit diesem wasauchimmeresgeradeist leben. Wenn es gerade nicht fließt ist es eben schwer. Wir stellen alles in Frage. Und haben nicht immer die passende allesistgeil-Hintergrundmusik am laufen.

Daran muss ich immer denken wenn gerade alles kacke ist.

Du wirst niemals viele Wochen wie in drei Minuten erleben.

Das hier, jetzt, ist es, was in der Montage ausgeblendet wurde. Langeweile, Frust, Einfachnichtvorankommen, auch Einsamkeit.

Dieser Moment ist nicht dein Leben, nur ein Moment in deinem Leben.

Dein Leben besteht aus lauter Momenten. Aber die Momente addieren sich auf, und plötzlich, wenn wir es schaffen den Zustand auszuhalten – ist es soweit. Was in der Leere nur unterbewusst bewegt wird erscheint plötzlich auf der Oberfläche, und wir können wieder atmen. Dinge passieren, und wir bewegen uns wieder, sogar geschmeidiger als zuvor.

Letztendlich führt alles immer wieder darauf zurück, dass wir nur im Hier und Jetzt leben können. Nicht vor- oder zurückspulen. Keine Beach Boys laut aufdrehen und plötzlich ist es fünf Monate später. Wir können uns nur um das Jetzt kümmern.

Darauf baut nämlich unser in-fünf-Monate-Ich.

Und zu guter Letzt: sei gottverdammtnochmal dankbar dass du hier und heute lebst – nicht dort und damals.

 

 

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