I don’t mean to be harsh, darling. I’m direct because I sincerely want to help you and because it’s clear to me that you’re an incredibly good egg. I know it’s a kick in the pants to hear that the problem is you, but it’s also fucking fantastic. You are, after all, the only person you can change.

– Cheryl Strayed, tiny beautiful things

Ich wollte ein guter Mensch sein. Ich wollte ein sehr guter Mensch sein. Ich wollte das Richtige tun, und vor allem richtig sein. So, dass andere sehen dass ich gut bin und ich in den Himmel komme.

Ich wusste aber nicht, was richtig war.

Ich dachte, richtig ist in erster Linie nicht egoistisch zu sein. Ich dachte Egoismus ist, wenn man an sich selbst denkt. Also habe ich immer nur an andere gedacht.

Wenn ich mich dabei erwischt habe an mich zu denken gab’s innerlich aufs Maul.

So dachte ich auch, wenn sich jemand schlecht fühlt muss ich dafür sorgen dass sie/er sich besser fühlt. Was wäre ich für ein Mensch, wenn ich nur da wäre und nichts machen würde? Dann wäre ich egoistisch und faul, weil ich an mich denke indem ich nicht aktiv helfe. Machen ist besser als nur da stehen. Wenn ich nicht so egoistisch wäre würde ich etwas tun. Also muss ich etwas tun.

Dazu gehört auch vor allem, mich mit ihr/ihm schlecht zu fühlen. Wer wäre ich, wenn da ein Mensch ist, dem es schlecht geht, und mir geht es gut? Nein, das darf nicht sein. Ich muss mitfühlen. Es ist Das Richtige.

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Wie fatal dieser Irrglaube war habe ich erst verstanden, als ich unter dem Vorwand „für andere da sein“ mich zu ihrem Opfer gemacht und darunter so gelitten habe dass ich entweder die alten Glaubenssätze loslassen musste, oder weiter die Abwärtsspirale gehen.

Und wie so oft wenn ich mir ein neues Stück Weisheit angeeignet habe, das im Moment seiner Erkennung so selbstverständlich wird dass ich mir nicht vorstellen kann, jemals anders gedacht zu haben, falle ich seither regelmäßig aus allen Wolken wenn mir zwischendurch bewusst wird dass die Mehrheit der Bevölkerung immer noch mit diesem Glauben herumläuft und ihn kein bisschen in Frage stellt.

Je länger ich mich darin übe mit dem folgenden Prinzip Grenzen zu setzen und selbst einzuhalten, desto stärker glaube ich daran, dass es eine allgemein anerkannte Regel des Miteinanders werden sollte.

Es ist ganz einfach, kann höllisch schwer in der Umsetzung sein, erleichtert und bereichert das Leben aber ungemein, wenn man es einmal verstanden hat. Hier ist es:

Nur du bist für deine Gefühle verantwortlich.

Dein Partner ist nicht für deine Gefühle verantwortlich. Deine Eltern sind nicht für deine Gefühle verantwortlich. Deine Kinder sind nicht für deine Gefühle verantwortlich. Deine Freunde nicht, deine Umstände nicht. Fremde Menschen , z.B. Politiker auch nicht.

Umgekehrt bist du nicht für die Gefühle anderer verantwortlich.

Nur du kennst deine eigenen Gefühle wirklich, nur du musst mit ihnen leben, nur du kannst sie ändern.

Zudem ist es alleine deine Sache, deine eigenen emotionalen Bedürfnisse und Grenzen zu kennen und für ihre Erfüllung und Durchsetzung zu sorgen.* Schön und sehr wünschenswert ist es natürlich, wenn man das alles nicht einfordern muss. Es ist aber naiv und egoistisch zu glauben, alle anderen müssten wissen wie sie mit dir umgehen sollen.

Genauso sind deine Gefühle nicht deinen Umständen zuzuschreiben. Sie entstehen aus deiner Bewertung der Umstände, und die kannst du jederzeit ändern.

Dennoch bist du für die Art verantwortlich, wie du mit anderen kommunizierst und interagierst.

Was du kommunizierst kommt von dir, also trägst du dafür die Verantwortung.

Sag genau das, was du meinst – mit so viel Liebe und Empathie, wie du aufbringen kannst.

Du bist nicht dafür verantwortlich, was dein Gegenüber mit ihrer ganz eigenen Bauart und Geschichte mit dem macht, was du sagst – umso mehr aber dafür, ihr mit Offenheit, Empathie und Respekt zu begegnen. So hat das, was du so gut meinst auch die größte Chance, genau so bei dieser Person anzukommen.

Anschließend musst du gegebenenfalls diese Person – ein Kind ganz besonders – alles fühlen lassen, was sie nun mal fühlt, ohne es zu bewerten oder in das Erleben der Gefühle einzugreifen. 

Dafür braucht man Empathie. Das ist keine Fähigkeit, die man hat oder nicht hat. Jeder kann empathisch sein*. Nur wird sie den meisten von uns aberzogen. Die Folge davon:

Was viele unter Empathie verstehen ist tatsächlich Egoismus.

Empathisch sein ist nicht dem anderen die Last abnehmen.

Das ist Egoismus: Ich kann nicht dabei zusehen, wie du diese Last trägst, also nehme ich sie lieber auf mich.

Egoismus geht davon aus, dass:

1. das Gegenüber, das mit den Gefühlen, überhaupt eine Last trägt, obwohl Gefühle eine natürliche und im Regelfall aushaltbare Konsequenz aus den meisten Dingen im Leben sind. Im Kern ist das Respektlosigkeit. Ich respektiere weder dass der natürliche Lauf der Dinge vorsieht, dass Menschen durch Erfahrung lernen – noch sehe ich, dass mein Gegenüber genau diese jetzt braucht, um in seinem späteren Leben aus ihr Weisheit schöpfen zu können.

2. das Gegenüber nicht selbst in der Lage ist, diese sogenannte Last zu tragen. Das ist Misstrauen. Ich traue meinem Gegenüber nicht zu, die Erfahrung, die sie gerade macht auch so durchzustehen dass sie am Ende stärker oder zumindest unbeschadet daraus hervorgehen wird. Hingegen behaupte ich von mir, es besser aushalten zu können und beanspruche die Möglichkeit, mit dieser Erfahrung an Selbstvertrauen zu gewinnen für mich selbst.

Egoismus ist aber auch hilflos. Egoismus versteht, dass manche Situationen Gefühle hervorrufen, die schwer aushaltbar sind. Egoismus versteht aber nicht, dass das Bedürfnis dem Gegenüber zu helfen vom eigenen Unvermögen, Gefühle einfach auzuhalten stammt und tut lieber alles, um ihre Existenz aus der Welt zu schaffen, als sich damit konfrontiert zu sehen. Die einfachste Art das zu tun ist schlicht ihre Anwesenheit zu leugnen, oder zumindest ihre Anwesenheitsberechtigung in Frage zu stellen.

Damit erreicht Egoismus das, was es selbst erst geschaffen hat. Dem Gegenüber wird vermittelt, das was sie fühlt ist unangemessen. Ihre Reaktion auf das Geschehen zeugt von mangelnder Urteilskraft. Das Vertrauen in die Funktion ihrer Gefühle, als Tacho für Situationen und ihr Wohlergehen zu agieren ist erschüttert. Und Egoismus steht daneben und weiß es besser.

Schließlich will Egoismus ganz tief unten, gerade wenn es das nicht zugeben kann und vor allem möchte –

Anerkennung. Ich habe dir dein Leid abgenommen. Ich habe für dich gesorgt. Ich kann mit der Situation umgehen, also habe ich mich gekümmert. Ich.

Schau mich an.

Verantwortung für die Gefühle anderer zu übernehmen ist egoistisch. Für mein eigenes Wohl zu sorgen ist verantwortungsvoll, denn nur so kann ich mit echter Empathie auf andere zugehen.

Empathie ist das Nachempfinden oder wörtliche Fühlen, was das Gegenüber fühlt und die Interaktion mit ihm auf dieser Basis. Empathie ist nicht Mitleid. Empathie lässt das Gegenüber alles fühlen, was es fühlen muss, und kann es aushalten, daneben zu stehen ohne einzugreifen. Empathie ist da und tut, was verlangt wird, im Rahmen der eigenen Grenzen und Kapazitäten.

Empathie ist da, kann aber loslassen und muss nicht einschreiten, wenn nicht absolut notwendig, weil sie per Definition das Wissen ist, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat.

Jeder seins. Jeder ein anderes. Empathie tut somit ihr Allerbestes, um herauszufinden worin dieses Päckchen in anderen besteht. Und schließlich respektiert sie sie darin, dass sie es tragen.

 


*Psychopathen – deren Amygdala, das emotionsverarbeitende Zentrum im Gehirn, stark unterentwickelt ist – können sich nicht emotional in andere hineinversetzen. Ironischerweise sind sie aber gerade durch die Abwesenheit vom Großteil menschlicher Emotionen in ihrem Erleben häufig wesentlich weniger egoistisch als neurotypische Menschen, entgegen dem weitverbreiteten „Wissen“, alle Psychopathen seien Serienmörder oder wären es zumindest gerne. Wenn rationale, „vernünftige“ Menschen existieren kommen Psychopathen diesem Begriff am nächsten. Hier kann man mehr darüber lesen.

**Ausnahme, immer: Kinder. Kinder müssen erst noch lernen, ihre eigenen Gefühle überhaupt in einen Zusammenhang in der Welt einzuordnen, und ihre Grenzen kennen sie erst recht nicht. Die gilt es, wenn sie schon durch Weinen, Nein sagen, etc. aufgezeigt werden, sowieso immer zu respektieren. Aber gleichzeitig kann nicht davon ausgegangen werden, dass Kinder ihre Grenzen aufzeigen. Gesunde Grenzen erfahren sie in erster Linie im Zusammenleben mit ihren Bezugspersonen. Die wiederum müssen dafür auch ihre eigenen kennen, selbst respektieren und ihre Einhaltung aktiv von ihrer Umwelt einfordern.

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