Darf ich etwas loswerden?

ICH HASSE PLÄTZCHEN. So richtig. Ich verstehe nicht, was man an ihnen finden kann. Sie sind nur süß, trocken, fett und irgendwie alle gleich ekelig lebkuchenartig und hart und bäh. Ich finde es echt merkwürdig, wie alle Deutschen ihre Plätzchen feiern, wo sie doch meistens echt scheiße sind – selbst die professionell hergestellten geben mir gar nichts; Plätzchen sind für mich wie gezuckerte Autoreifen.

(Außer Vanillekipferl. Vanillekipferl all day every day.)

chai masala snickerdoodles with apple spice granola

Darf ich etwas fragen?

Was hat das gerade mit dir gemacht?

Bist du gerade defensiv geworden? Wolltest du mich zurechtweisen? Hattest du einen Anflug von “Warum muss die sich hier über Plätzchen aufregen? Hat die nichts besseres zu sagen? Fuck off, Foodblogger!”? Oder hast du jetzt das Bedürfnis, deine Liebe für Plätzchen mir gegenüber kundzutun? Meine Meinung zu ändern? Warst du gar verletzt, weil du Plätzchen liebst, sie nicht aus deiner Weihnachtszeit wegzudenken sind und ein vermeintlicher Angriff auf Ihre Heiligkeit für dich wie eine Kritik deiner Persönlichkeit daherkommt?

Oder ging es dir genau andersherum? Magst du auch keine Plätzchen? Bist du erleichtert dass jemand endlich deine Gefühle teilt? Hast du dich erhoben, verbunden, bestätigt gefühlt beim Lesen? Warst du stolz, zur verkannten Minderheit zu gehören?

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Dieses Beispiel ist zwar harmlos, und vielleicht sind dir Plätzchen auch einfach herzlich egal – aber es trifft ganz gut was ich tatsächlich heute sagen möchte:

Gefühlspilz – eine Epidemie

Gefühle sind wie Pilze. Sie netzwerken gern unter der Oberfläche. Sie verbreiten sich rasant und sind höchst ansteckend. Keiner ist sicher. Salben helfen nur bedingt. Tauchen sie in Form von Worten oder Handlungen auf, sind sie schon längst überall. Und wir sind alle betroffen. (dramatic music)

Egal wie du zu Plätzchen stehst, du hattest wahrscheinlich eine von zwei Reaktionen auf meine kleine Hasspredigt: Ablehnung oder Zustimmung. Wenn sie dir vollkommen egal war oder du drüber gelacht hast, gehörst du zu den wenigen die sich gut um ihren Gefühlspilz kümmern und ihm genug Positives zum Futtern geben (oder, nochmal, du hast weder Gefühle für noch gegen Plätzchen…).

Im Falle der Ablehnung deinerseits wurde durch den Bildschirm hindurch ein Punkt in deinem Gefühlspilz angestupst, der jetzt wütend wuchert.

Im anderen Falle hat sich dein Ego aufgeplustert, was dein Gefühlspilz genauso wachsen lässt. Die vermeintlich positiven, bestätigenden Emotionen haben tatsächlich eine zerstörerische Wirkung auf uns, denn sie nähren sich von der Abwertung anderer Meinungen und Menschen.

Was will ich damit sagen?

Gebe ich meinen negativen Gefühlen Raum außerhalb meines eigenen Gehirns, bin ich sie garantiert nicht los. Sie werden mehr.

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The Chain of Screaming

Man sehe sich aufmerksam dieses Beispiel an (danke, Nik!):

Hier geht es um angestaute negative Energie, die rausmusste. Die Menschen in HIMYM haben sich – unbewusst! – entschieden, den Druck bei anderen Menschen loszuwerden und haben eine Kettenreaktion ausgelöst. Ihnen ging es wahrscheinlich danach nicht viel besser, und sie hatten jetzt noch andere mit ihrem Ärger angesteckt.

Dr. David Hawkins bringt es in Letting Go auf den Punkt (Übersetzung von mir):

Das Ausdrücken negativer Gefühle erlaubt es, gerade genug des inneren Drucks abzubauen sodass der übrigbleibende Teil dann unterdrückt werden kann. […] viele Menschen in der heutigen Gesellschaft glauben dass ein Ausdrücken ihrer Gefühle sie von ihnen befreit. Die Fakten sprechen vom Gegenteil. Erstens tendiert das Ausdrücken eines Gefühls dazu, dieses zu vergrößern und ihm mehr Energie zu verleihen. Zweitens erlaubt das Ausdrücken eines Gefühls nur den Restlichen, aus dem Bewusstsein verdrängt zu werden.

Wenn wir andere an unseren negativen Gefühlen teilhaben lassen – und ich spreche nicht nur von unkontrollierten Wutanfällen, das reine Erzählen einer negativ bewerteten Beobachtung gehört auch dazu – werden sie nicht vermindert, sie multiplizieren sich alleine schon dadurch, dass wir uns für sie entschieden haben. Wir geben ihnen Raum.

Ein leerer Raum ist niemals leer; er füllt sich automatisch mit allen möglichen Gasen, die auf diesem Planeten herumschwirren. Ein Vakuum kann nur mit diversen Maschinen und erheblichem Kraftaufwand erzeugt werden. Die Zeit, die man für eine beliebige Aufgabe benötigt, schwankt – je nachdem wieviel Zeit einem dafür zur Verfügung steht.

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So auch mit den Gefühlen.

Wenn wir meinen, sie teilen zu müssen geben wir ihnen schon mehr Raum als sie ursprünglich hatten. Sie verbreitern sich und werden größer, weil sie nun da draußen im Äther umherschwirren.

Gefühle sind Schwingungen. Sie werden transportiert ohne dass wir etwas sagen müssen. Wenn wir das dazu noch bewusst tun, ihnen eine Form – Worte – geben, sie kommunizieren, dann werden sie von unserem Gegenüber gleich mehrfach aufgenommen.

Aber Menschen sind keine Atommüll-Endlager

… Sie laufen frei in der Welt herum und strahlen weiter alles aus, was andere ihnen gegeben haben.

Das Schwierige ist, dass uns gerade in der heutigen Zeit beigebracht wird, Gefühle dürfen nicht unterdrückt werden – wir müssen sie ausdrücken damit sie nicht in den hintersten Ecken des Unterbewusstseins versiechen und dort ihr Unwesen treiben.

Ja! Und nein! Unterdrücken ist definitiv keine Lösung. The Unwesen is real!

Aber der Wut, dem Frust, der Empörung noch mehr Raum zu geben, andere Menschen damit zu infizieren, das raubt uns die Energie die wir eigentlich bräuchten, um die Negativität nachhaltig zu verarbeiten und mit den unweigerlich aufkommenden Gefühlen leben zu können, ohne aus ihnen (selbst-)zerstörerische Handlungen werden zu lassen.

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Nochmal Dr. Hawkins (Übersetzung wieder von mir):

Sich auszudrücken ist momentan durch ein Missverständnis der Arbeit von Sigmund Freud und der Psychoanalyse en vogue. Freud hat darauf hingewiesen dass Unterdrückung die Ursache von Neurosen ist; daraus wurde fälschlicherweise der Schluss gezogen, das Sich-Ausdrücken sei die Heilung. Diese Misinterpretation wurde zur Lizenz, sich auf Kosten anderer im eigenen Leid zu suhlen. Was Freud tatsächlich meinte war dass der unterdrückte Impuls oder das Gefühl neutralisiert, sublimiert, in die Gesellschaft hinausgetragen und in konstruktive Bahnen der Liebe, Arbeit und Kreativität umgelenkt werden sollte.

Also?

Erlauben wir uns das Gefühl zu spüren. In seiner Gänze, ohne etwas damit tun zu müssen. Erlauben wir uns, trotz der Hässlichkeit in uns genau diese anzunehmen und uns zu sagen: es ist wirklich ok dass ich mich gerade so fühle.

Ich sage nicht dass es leicht ist. Ich will auch nicht behaupten dass ich das in irgendeiner Form beherrsche – deswegen schreibe ich darüber. Das alles geht in erster Linie an mich.

Und dann?

Let it out – aber nicht an anderen.

Schlag einen überdimensionalen Plüschaffen.

Geh auf eine Müllhalde und schrei.

Nimm ein altes Sofa und mal mit Edding wütende Striche drauf und mal dabei aus Versehen auch den Boden an.

Schreib alles, was du sonst anderen erzählen würdest, die als Mülleimer für deine Gefühle fungieren, in Großbuchstaben in ein Tagebuch!!!!! UND DANN VIELE AUSRUFEZEICHEN UND!!!!!!!!!!!11elfen.

Mal ein hässliches Bild von einer Sonnenblume, spuck drauf und versteigere es mit dem Startpreis 3.564.000 € bei Ebay.

Lass die Empörung mittels einer wie auch immer gearteten Spende an einem guten Zweck aus.

Schreib deine ziemlich verfrühten Memoiren.

Sei wütend! Aber tu dir und deiner Umwelt damit etwas Gutes.

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Emotionale Hygiene

Aber wir müssen doch kommunizieren!?

Klar! Wir sind ja soziale Tiere. Wir brauchen emotionales Feedback. Manchmal lassen sich Gefühle erst richtig verarbeiten wenn andere sie uns nochmal spiegeln, uns so erst deutlich machen was wir tatsächlich spüren. Manchmal haben andere die besseren Worte dafür, was wir fühlen. Das ist gut und wichtig und mehr als ok.

Ich möchte nur dafür plädieren, sich der Gefühls-“Energetik” bewusst zu werden und mit Bedacht auf unseren jeweiligen, nicht geringen Einfluss in der Welt mit ihnen umzugehen.

Oder gehst du nach dem Toilettengang zu dir wichtigen Menschen hin und steckst ihnen einfach den Finger ins Ohr, ohne dir die Hände gewaschen zu haben?

Nein? Dann mach’s auch nicht mit deinen unverdauten Gefühlen.

Wir brauchen nicht nur für Sex eine bedingungslos und sekündlich widerrufbare Einwilligungserklärung

Wenn es sein muss, jemand anderen teilhaben zu lassen (also meistens) – mach bitte ein paar Dinge:

  1. Erlaube dir, den Frust (Wut, Empörung, etc.) so richtig zu spüren. Meistens geht es dann einfach vorbei, ganz von selbst. Oder ist es zu viel? Dann:
  2. Lass die volle Wucht zuerst an leblosen Objekten aus. Das ist nicht verhandelbar.
  3. Stelle sicher dass der auserwählte Mensch gerade dazu bereit ist, dich aufzufangen. Wenn Zweifel besteht – nein – generell: Frag nach. Ist es ok wenn ich dich kurz als emotionale Reststoffdeponie benutze? Kannst jederzeit stopp sagen wenn du nicht mehr willst.

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Aufregungsabstinenz

Im Gegensatz zur sexuellen Abstinenz halte ich Aufregungsabstinenz für eine grandiose Idee. Genauso wie mit sexueller Abstinenz ist es nicht ratsam, sich selbst zu kasteien wenn man es nicht 100% durchzieht – gerade weil auch eine 80, 60, oder nur 50%-ige Durchführung krasse Ergebnisse liefert.

Das Prinzip ist recht überschaubar: Wenn dich etwas aufregt, halte einfach die Fresse.

Wichtig dabei ist, dass du es dir so einfach wie möglich machst, nicht das Maul aufzureißen und deine Negativitätsergüsse dem nächstbesten Menschen aufzudrücken.

Wenn du dich in einer Situation befindest die dich aufregt, beweise dir deine Selbstliebe und entferne dich. Das darfst du. Später, mit klarem Kopf, kannst du entscheiden was du zu ihrer Besserung tun kannst, falls notwendig.

Ganz allgemein können wir sagen: Wenn du ein Muster in deinem Leben feststellst – immer wieder gibt es irgendwas, was dich auf eine ganz bestimmte Art aufregt – dann entscheide dich gegen das Aufregen und für dich. Halte die Fresse, schlag ein Einhorn (das existiert nicht, also ist es erlaubt) und nimm die Energie die du vorher immer ins Aufregen gesteckt hast und bastel deiner Mudda einen Liebesbrief indem du Nudeln auf buntes Papier klebst und alles Gold ansprühst.

(Es muss nicht für deine Mudda sein und du darfst auch stattdessen Snickerdoodles backen.)

Ziemlich bald wirst du merken dass dich dieses Etwas gar nicht mehr aufregt – oder es passiert einfach nicht mehr.

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ABER

Globale und lokale Ungerechtigkeitsthemen sowie persönliche, akute Krisensituationen bleiben außen vor, denn dafür, nach dem Sorgen für unser eigenes höchstes Wohl, brauchen wir diese eingesparte Energie von der ich schreibe.

Gerade deshalb – auf den ersten Blick paradoxerweise – müssen wir uns bei der Aufnahme der zu Recht empörenden Informationen hüten. Das Wissen, was da draußen passiert ist für die meisten durchaus vorhanden. Wir müssen uns aber nicht auf Kosten unserer geistigen Gesundheit den ständigen Updates aussetzen, dann landen wir nur wieder am Anfang. Keiner kann etwas bewegen wenn er ständig gegen Gefühlspilz kämpft.

Empört, frustriert, gelähmt.

Das soll sich bald ändern.

Lasset sie Snickerdoodles essen

Denn sie sind weich. Mit gerade genug Gewürzen. Und weich. Und ein bisschen crunchy. Und weich. Und oh my Lord, sie sind so viel besser als Plätzchen…

Und das ist das erste Rezept seit quasi forever das auf Anhieb perfekt war! Warum? Weil ich nichts verändert hab! (… Außer die Mehlmenge etwas verkehrt umzurechnen, aber es stellte sich heraus dass das ein Vorteil war. Und normalerweise werden Snickerdoodles nochmal in Zimt-bzw.-Gewürzzucker gewälzt, was ich nicht gemacht habe, weil Crunch, und das ist auch allgemein besser so weil der Zuckergehalt so echt perfekt war. Over.)

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Chai Masala Snickerdoodles mit Crunch

nach A Cozy Kitchen
für 16-24 Stück


310 g Mehl
1 tl Backpulver
1/2 tl Natron
1/2 tl Salz
1/4 tl gemahlene Vanille
1 tl Ingwer
1/2 tl Zimt
1/4 tl Kardamom
1/4 tl Nelken
1/4 tl Piment
1/4 tl frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
300 g Zucker
60 g Frischkäse
90 g Butter, weich
80 g neutrales Öl
1 Ei (Kl. L)
2 EL Milch

etwa 200 g Apfel-Zimt Crunchy Müsli*, zum Wälzen


Ofen auf 180°C mit Umluft vorheizen. Zwei Backbleche leicht einölen oder mit Trennspray einsprühen (damit das Backpapier liegen bleibt) und mit Backpapier belegen.

Mehl bis Pfeffer in einer kleinen Schüssel mischen (das Foto oben ist irreführend – hatte wie so häufig nicht mitgedacht und die Mischung dann noch umgefüllt!). Zucker mit Frischkäse und Butter in der Rührschüssel einer Küchenmaschine 3-4 Minuten cremig rühren. Öl zugeben und unterrühren, dann das Ei und die Milch langsam einrühren, bis die Masse homogen ist. Trockene Zutaten zugeben, rühren bis alles gerade so vermengt ist. Mit einem Teigschaber den Rand der Schüssel und den Rührer abkratzen und alles noch einmal durchmischen.

Crunchy-Müsli auf einen Teller geben. Mit einem Eisportionierer oder Esslöffel kleine Haufen in das Müsli fallen lassen. Mit Müsli bedecken, dann behutsam auf das Backblech setzen und leicht plattdrücken, auf etwa 1,5 cm Höhe. Der Teig ist ziemlich nass und es bedarf tatsächlich etwas Fingerspitzengefühl um die Haufen im Ganzen auf das Blech zu transportieren. Aber wenn es keine perfekten Kreise werden ist es kein Drama, oder?

Snickerdoodles etwa 11 Minuten backen, bis das Müsli gut gebräunt ist und der Rand der Cookies gerade beginnt, goldbraun zu werden. Aus dem Ofen nehmen, die nächste Fuhre backen.

Snickerdoodles vor dem Essen mindestens eine halbe Stunde auf Raumtemperatur abkühlen lassen.


Hinweis

*Ich werde nicht von dm bezahlt. Mag das Zeug einfach ziemlich gerne. Anderes granola-artiges Müsli ist sicher genauso gut! Nur besser nichts beeriges o.ä., das würde vermutlich nicht so gut passen. Und ursprünglich wollte ich Cornflakes nehmen – das wäre sicherlich auch gut, und noch weniger süß.

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